Oberschlesien emanzipiert sich: Teil 1 – Oberschlesier in den Reihen der deutschen Minderheit

Oberschlesier in den Reihen der deutschen Minderheit

Seit dem Ende der kommunistischen Diktatur 1989 ist es für die deutschen Schlesier möglich, ihre nationale Zugehörigkeit offen zu bekennen.

„Helmut, Helmut“, riefen die deutschen Schlesier, „denk’ an uns“ und auf Plakaten las man „Du bist auch unser Kanzler!“, als sich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und sein polnischer Kollege, der erste demokratisch gewählte Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki, am 12. November 1989 im niederschlesischen Kreisau (Krzyżowa) trafen. Dort, im Innenhof der früheren Gutsanlage der Familie von Moltke, fand eine Versöhnungsmesse statt. Mit rund einem Dutzend Bussen pilgerten Menschen aus ganz Oberschlesien zu diesem Ereignis. Die Luft knisterte vor Spannung. Wie man aus historischen Berichten entnehmen kann, hielt der damalige Erzbischof Alfons Nossol seine Predigt abwechselnd auf Deutsch und Polnisch und sprach von der Pflicht zur Erinnerung an das Geschehene und von der gemeinsamen Zukunft in einem gemeinsamen Europa.
Seine Predigt war ergreifend: Erst verschwanden die Schilder. Dann löste sich alle Spannung auf, als Kohl und Mazowiecki einander die Hand zum Friedensgruß reichten. Es war klar geworden: Im deutsch-polnischen Verhältnis hatte ein neues Kapitel begonnen.
Aus Anlass des 25. Jahrestages der deutsch-polnischen Versöhnungsmesse reiste Bundeskanzlerin Angela Merkel am 20. November 2014 nach Kreisau. Dort eröffnete sie mit ihrer Amtskollegin, der polnischer Ministerpräsidentin Ewa Kopacz, die neugestaltete Freilichtausstellung „Mut und Versöhnung“. Die Dauerausstellung soll den schwierigen Weg der Aussöhnung und Verständigung zwischen Polen und Deutschland begehbar machen. Anschließend nahmen beide Regierungschefinnen an einem ökumenischen Gottesdienst in der evangelischen Friedenskirche im benachbarten Schweidnitz (Świdnica) teil. An dem Festakt nahmen auch der Sejmabgeordnete Ryszard Galla, der Vorsitzender des Verbandes deutscher Gesellschaften in Polen Bernard Gaida, der Vorsitzender der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Bezirk Schlesien Marcin Lippa, der Geschäftsführer des Hauses der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Oppeln und Gleiwitz Rafał Bartek und der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Minderheit in Danzig Roland Hau als Vertreter der deutschen Minderheit teil.

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Die Deutsche Minderheit und ihre Organisationen.

Danach konnten endlich die ersten Gottesdienste – wie selbstverständlich – in deutscher Sprache abgehalten werden. Am 16. Februar 1990 wurde die deutsche Minderheit als Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Deutschen in Oppeln und schon einen Monat vorher in Ratibor, dem Nachbarbezirk, registriert. Nicht unerwähnt sollte die Deutsche Gemeinschaft „Versöhnung und Zukunft“ in Kattowitz bleiben. In Niederschlesien durften sich die Deutschen bereits seit 1957 in Waldenburg zusammenschließen, dagegen erst in den Jahren nach dem politischen Systemwechsel in Liegnitz, Hirschberg, Grünberg, Breslau und Glatz. Im Bezirk Oppeln hat die deutsche Minderheit ihren regionalen Schwerpunkt. In den Dörfern und Städten rund um Oppeln pflegen unzählige Deutsche Freundschaftskreise (DFK) das kulturelle und soziale Leben der Volksgruppe, beispielsweise in der Stadt Carlsruhe O.S., in den Städten und Landkreisen Groß Strehlitz, Kandrzin-Cosel, Krappitz, Kreuzburg, Leobschütz, Neiße, Neustadt, Oppeln, Rosenberg sowie in der niederschlesischen Stadt Namslau, die seit 1999 zur Woiwodschaft Oppeln gehört. Im Bezirk Schlesien (Kattowitz) ist es nicht viel anders, Deutsche Freundschaftskreise findet man z.B. in Bad Königsdorff-Jastrzemb, Beuthen, Bielitz, Deutsch Piekar, Hindenburg, Kattowitz, Königshütte, Myslowitz, Ruda, Schwientochlowitz, Siemianowitz, Sohrau, Tichau, in den Städten und Landkreisen Berun, Gleiwitz, Loslau, Lublinitz, Nikolai, Ratibor, Rybnik, Tarnowitz und Teschen. Der Verein Deutscher Hochschüler – VDH Oppeln und VDH Ratibor, der katholische Bund Salia Silesia und der Bund der Jugend der Deutschen Minderheit sind weitere Institutionen der Deutschen in Schlesien.

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Deutsches Selbstverständnis in Oberschlesien!

Die finanzielle Unterstützung aus Deutschland ist erheblich – nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung hat die Bundesregierung seit Anfang der 1990er Jahre, jährlich 25 Millionen Mark z.B. durch die sog. Rückflussmittel zur Verfügung gestellt. Diese Summe floss zunächst in humanitäre Unterstützung z.B. die Ausstattung von Krankenhäusern, den Bau von Schulen und die Strukturentwicklung des ländlichen Oppelner Schlesien z.B. Wasserversorgung und Kanalisation mit entsprechenden Baumaßnamen. Zusätzlich bekamen mittlere und kleine Unternehmen günstige Kredite. Damit kamen die Zuwendungen auch vielen Polen zugute. Die polnische Regierung erkannte 1991 die Deutschen als nationale Minderheit an, deren Existenz sie zuvor jahrzehntelang geleugnet hatte. Die Unterstützung und Förderung der Kultur und Sprache der „nationalen und ethnischen Minderheiten“, also auch der Deutschen mit polnischer Staatsangehörigkeit, gewährleistet seit 1997 außerdem Artikel 35 der polnischen Verfassung.
Um als Minderheit ihre Aufgaben umsetzen zu können, erhalten die Deutschen entsprechende Geldmittel vom polnischen Staat. Trotz dieser nicht geringen Mittel ging die Mitgliederzahl der deutschen Verbände in der Woiwodschaft Oppeln von rund 180.000 im Jahr 1994 auf rund 45.000 im Jahr 2008 zurück. Auch die Gesamtzahl der Angehörigen der Volksgruppe insgesamt sank durch Aussiedlung und Assimilation – wenn auch nicht im selben Tempo. 1991, als die Deutschen als nationale Minderheit in Polen anerkannt wurden, traten sie der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV) bei. Es ist ein Dachverband der autochthonen und nationalen Minderheiten und Volksgruppen in Europa, die FUEV unterstützt u.a. die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen.
Im westlichen Oberschlesien, der Woiwodschaft Oppeln, ist die deutsche Identität durch inzwischen mehr als 340 zweisprachige Ortsschilder an Dörfern – verteilt auf 27 Gemeinden und erste zweisprachige Bahnhofsbezeichnungen am deutlichsten sichtbar (Stand Ende 2014). Einige Zehntausend Deutsche leben auch im oberschlesischen Revier, der Woiwodschaft Schlesien. Mit Kieferstädtel, vor den Toren von Gleiwitz, sowie Lubowitz nördlich und Kranowitz südlich von Ratibor bekamen nun auch die ersten Gemeinden im Revier zweisprachige Ortstafeln. Der Anfang ist auch dort gemacht! Auf Gemeindeebene müssen sich in Polen zwanzig Prozent der Menschen als Deutsche bekennen, um die Ortsbezeichnungen in deutscher neben polnischer Sprache – die auch slawischen – jedoch nicht polnischen Ursprungs ist, zu beantragen. Auf den Gemeindebehörden kann Deutsch als Hilfssprache hinzugezogen werden.
Trotz der häufigen Beschädigungen der zweisprachigen Ortstafeln sollte man die positive Bedeutung, die über Oberschlesien hinausreicht, nicht unterschätzen. Wenn Schlesisch als Regionalsprache anerkannt wird, lassen sich auch Ortstafeln in drei Sprachen aufstellen. In den ladinischen Teilen Südtirols und in einigen Kommunen in Finnland findet man dreisprachige Ortsschilder, und in der Vojvodina da und dort sogar in fünf Sprachen. Im zentral regierten Frankreich, wo die Anerkennung von (ethnischen) Minderheiten völlig fehlt, tauchen erste
zweisprachige Ortsschilder auf Bretonisch, Okzitanisch, Korsisch und Elsässerdeutsch auf.

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Unbestreitbare Erfolge

Die Erfolge der deutschen Schlesier, zumeist in der Woiwodschaft Oppeln, sind nicht von der Hand zu weisen. Zum Beispiel betreiben sie seit über 20 Jahren erfolgreiche Kommunalpolitik. Das knüpft an die Tradition der Vorkriegszeit an, als die Oberschlesier schon unzählige Gemeinderäte und Bürgermeister stellten. Seit Mitte der 1990er Jahre wurde das Haus der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Oppeln und Gleiwitz auf- und ausgebaut, siehe www.haus.pl. Diese Einrichtungen hat sich darauf spezialisiert, geschichtliche und gesellschaftliche Fragen aufzuarbeiten und einem breiten Publikum näherzubringen. Einmal im Jahr, im Juni, findet auf dem St. Annaberg die Minderheitenwallfahrt statt, daran nehmen Deutsche, Schlesier und Roma als Minderheiten teil.
In den frühen 1990er Jahre richtete sich der Fokus auf die Infrastruktur, dagegen fielen die Kultur und das oberschlesische Kulturerbe in eine Art Dornröschenschlaf, aus dem sie erst relativ spät erweckt wurden. Immerhin finden bereits seit einem Jahrzehnt jeweils Mitte Oktober die Deutschen Kulturtage im Oppelner Schlesien statt. In der Zwischenzeit entstanden unzählige deutsch-schlesische Städte- und Gemeindepartnerschaften oder Partnerschaften mit deutschen Chören. Durch die Josef von Eichendorff-Zentralbibliothek, die Joseph-Elsner-Philharmonie, das Alojzy-Smolka-Puppentheater in Oppeln und Projekte wie dem Liederwettbewerb und dem Festival der kleinen Theaterformen (beides in deutscher Sprache), dem Comicworkshop, dem Weihnachtsmarkt und dam „Großen Schlittern“ eine Freizeitaktion mit Schlittschuhlaufen für Kinder, wird Kulturelles gelebt.

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Ja zu den deutschen Schulen in Oberschlesien

Schulunterricht in deutscher Sprache – bisher sind es nur drei bis vier Stunden am Samstag – ist ein weiteres Recht, das den Deutschen als nationaler Minderheit zusteht.

An dieser Stelle wollen wir die Bundesregierung an ihre Mitverantwortung
erinnern und sie in die Pflicht nehmen, dafür Sorge zu tragen, den deutschen
Staatsbürgern – und das sind die meisten deutschen Oberschlesiern im
Unterschied etwa zu den Deutschsprachigen in Belgien oder Dänemark –
genügend Bildungseinrichtungen anzubieten.

Die Versuche, Schulen mit muttersprachlichem Deutschunterricht oder mit deutsch-polnisch bilingualem Unterricht einzurichten, halten sich leider in Grenzen. Wir möchten die Vertreter der deutschen Minderheit darauf aufmerksam machen, dass sie das volle Recht haben, Schulen mit Deutsch als Unterrichtssprache, und zwar mit ganztägigem Unterricht, zu betreiben. Tatsache ist aber leider, dass trotz der Möglichkeiten für die deutschsprachigen Schlesier meist nicht genügend Kinder für den Deutschunterricht angemeldet werden. Anfang der 1990er Jahre war eine regelrechte Aufbruchsstimmung im Schulwesen auszumachen. Man fragt sich, wo dieser Elan geblieben ist. Nach 25 Jahren des politischen Wandel haben die Deutschen noch immer kein Lehrwerk für Deutsch als Minderheitensprache. Angesichts des mangelnden Erfolgs bei der Realisierung eines deutschen Bildungswesens lautet unser Vorschlag: Deutsche Auslandsschulen für Oberschlesien!

Ende des 1 Teiles

Die beiden Hauptautoren dieser Broschüre sind Robert Starosta und Lukas Moj.

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