Bund der Oberschlesier – Związek Górnoślązaków

BUND DER OBERSCHLESIER

(4. Kapitel aus der Magisterarbeit von Piotr Długosz “Die Autonomiebestrebungen in Oberschlesien nach dem 1. Weltkrieg” aus dem Jahre 2002, die an der Universität in Oppeln bei Prof. Dr. Norbert Honsza geschrieben wurde)

 Die Entstehung und das Programm

 Der „Bund der Oberschlesier – Związek Górnoślązaków” (BdO – ZG) wurde  Anfang Januar 1919 gegründet. Zu den Mitbegründern zählten die Brüder Johann und Thomas Reginek, Ewald Latacz, Anton Gemander und Viktor Durynek. Diese Männer waren zuvor Mitglieder der Zentrumspartei. Zum 1. Generalsekretär wurde Thomas Reginek ernannt, der aber bald in das polnische Lager wechselte. Daraufhin wurde Ewald Latacz zu seinem Nachfolger bestimmt.[1]

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Am 15. Januar 1919 wurde im „Oberschlesischen Kurier“ das Programm des Bundes veröffentlicht.[2] Im ersten Punkt forderte man die Aufhebung der antipolnischen Ausnahmegesetze. Diese Gesetze erschwerten den Oberschlesiern mit polnischer Muttersprache die Ausübung des Beamtenberufes sowie die Errichtung von neuen landwirtschaftlichen Betrieben. Der zweite Punkt forderte die Gleichberechtigung beider Sprachen im öffentlichen Leben. Der dritte Punkt war dem ersten Punkt der Breslauer Beschlüsse, der aber von der preußischen Regierung abgelehnt wurde, ähnlich. Man forderte die Besetzung der wichtigsten Stellen in der Provinz mit zweisprachigen Oberschlesiern unter der Berücksichtigung der Religionsverhältnisse. Der nächste Punkt bezog sich auf die Hoffmannschen Erlasse und unterstrich, daß in Oberschlesien keine Trennung von Kirche und Staat erfolgen werde. Im fünften Punkt setzte sich der Bund für den Ausbau der sozialen Fürsorge ein. Im letzten Punkt forderte man vor allem die Unteilbarkeit Oberschlesiens. Wenn diese Provinz von Deutschland abgetrennt sein sollte, dann wollte der BdO – ZG einen neutralen Freistaat proklamieren, in dem alle Minderheiten geschützt werden. Im Laufe der Zeit ist dieser Punkt zur Leitforderung des Bundes der Oberschlesier geworden. Die Mitglieder waren sich dessen bewußt, daß die Teilung Oberschlesiens für die Bevölkerung sowie für die wirtschaftliche Entwicklung dieser Provinz der schlimmste Ausweg wäre.

Wie ernst die preußische Regierung dieses Programm nahm, davon zeugt ein Erlaß des Regierungspräsidenten von Oppeln, Walter von Miquel, der am 16. Januar 1919, einen Tag nach der Veröffentlichung des Programmes im „Oberschlesischen Kurier“, bekannt gegeben wurde:

Wer es unternimmt, Oberschlesien gewaltsam vom Deutschen Reiche loszureißen und einem fremden Staate einzuverleiben oder selbständig zu machen und jeder, der ein solches Unternehmen vorbereitet, begeht Hochverrat.[3]

Die Entwicklung des Bundes der Oberschlesier

Mitte des Jahres 1919 schlug der BdO – ZG verschiedene Möglichkeiten zur Lösung der oberschlesischen Frage vor. Dieses Land könnte zu einem autonomen Bundesstaat innerhalb von Deutschland, Polen oder der Tschechoslowakei werden. Es könnte aber schließlich auch zu einem neutralen Freistaat werden. Alle vier Vorschläge wären ihrer Meinung nach möglich und zu realisieren, es gäbe aber eine Voraussetzung – die Unteilbarkeit Oberschlesiens. Dies sei das wichtigste Ziel zur friedlichen Lösung dieses Problems.[4]

Ewald Latacz unternahm eine Reise nach Teschen. Dort hatte er die Konzeption von Groß-Oberschlesien entwickelt, das aus dem deutschen Teil Oberschlesiens, Teschen und aus dem Ostrau-Karwiner-Industriegebiet gebildet werden sollte. Dieser Staat wäre wirtschaftlich sehr stark und könnte sich zum Belgien Mitteleuropas entwickeln.[5]

Dej pozōr tyż:  Obrazy Górnego Śląska (#13): Prądy i Siedliska w Borach Niemodlińskich

Der Bund der Oberschlesier wurde zur einer Massenbewegung. Mit der Parole „OBERSCHLESIEN DEN OBERSCHLESIERN“ warb er um seine Anhänger. Die Zahl der Mitglieder ist sehr schwer festzustellen, weil die Mitgliedschaft kostenlos war. Deshalb wurden keine Zugehörigkeitslisten zusammengestellt. Einige Zeitungen berichteten, daß die Zahl der Mitglieder schon Mitte 1919  300.000 Personen übertraf.[6] Besonders populär war der Bund der Oberschlesier bei der Landbevölkerung. In das Lager des BdO – ZG wechselten auch namhafte Persönlichkeiten, z.B. Joseph Musiol, der zur dieser Zeit ein Abgeordneter der Zentrumspartei im preußischen Landtag war, über. Mit dem Übergang zum Separatisten verlor er die Mitgliedschaft im Zentrum.

Auf die zunehmende Popularität des BdO – ZG hatte auch die Politik des oberschlesischen Zentrums Einfluß. Je mäßiger die Forderungen der Zentrumspartei gegenüber einer Autonomie Oberschlesiens wurden, desto schneller stieg die Zahl der Anhänger des BdO – ZG, die vor allem aus den Reihen des Zentrums kamen.

 Einem weiteren Aufschwung erlebte der BdO – ZG durch die Gründung der Zeitung „Der Bund – Związek”. Sie wurde von Alois Pronobis im Jahre 1920 gegründet.[7] Alois Pronobis ist auch kurz zuvor in das Lager des BdO – ZG übergegangen. Er war früher Mitglied einer geheimen polnischen Militärorganisation – POW und kämpfte beim ersten schlesischen Aufstand auf der polnischen Seite. Die erste Aufgabe erschien am 17. März 1920.

Die Zeitung „Der Bund – Związek” wurde in deutscher und in polnischer Sprache verfaßt (jeweils zwei Spalten). Der Stil war sehr pathetisch. Mit einer einfachen Sprache wandte man sich direkt an das oberschlesische Volk, um es für den Freistaatsgedanken zu gewinnen. Man appellierte an die Bevölkerung, sie solle das Schicksal ihrer Heimat in die eigenen Hände nehmen, um eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder aufzubauen. Die Erinnerung an die Unterdrückung, die man in der Vergangenheit erlitten hatte, stellte einen wichtigen Bestandteil der Argumentation für die Bildung eines Freistaates dar.[8]

Beide Seiten, Polen und Deutschland, wurden angegriffen, was dazu führte, daß die Polen die Zeitung für deutsch, die Deutschen die Zeitung für polnisch hielten. Das wurde von der Redaktion nicht verschwiegen; sie betonte eine Art von Unabhängigkeit von beiden Seiten. Die Zeitung wurde an die Mitglieder versandt. Die Auflage betrug am Anfang des Jahres 1920 zirka 20.000, wurde im Laufe des Jahres 1920 auf 40.000 erhöht und erreichte im Jahre 1921 nach der Abstimmung, als die Parole der Unteilbarkeit Oberschlesiens den größten Kreis von Anhängern fand, mehrere Hunderttausend.[9] Im Jahre 1922 wurde die Verantwortung für die polnische und für die deutsche Redaktion auf zwei Personen aufgeteilt. Für die erste war Petzel verantwortlich und die zweite wurde von Joseph Musiol geleitet.

Abb.4.             Die Titelseite der Zeitung „Bund-Związek” (Quelle: www.sbc.org.pl)

 

Vorschläge zur Lösung der oberschlesischen Frage

Der Bund der Oberschlesier bekam auch Unterstützung aus den Kreisen der Industriebesitzer, die in der Schaffung eines unabhängigen Staates Oberschlesien die Möglichkeit sahen, die Kosten der deutschen Reparationen vermeiden zu können. Die vom BdO – ZG angesterbte Neutralität Oberschlesiens, das mit allen drei Nachbarstaaten durch Handelsverträge in loser Verbindung sein sollte, kam den Industriellen entgegen.

Dej pozōr tyż:  Lagramyncki ôbsztalunek / Terms of Commerce (cz. 8)

Der Bund der Oberschlesier bereitete schon die Grundrisse einer Verfassung für Oberschlesien vor. Danach sollte Oberschlesien eine demokratische Republik werden, in der der Präsident und die Abgeordneten vom Volk gewählt werden sollten.[10]

Die Mitglieder des BdO – ZG kannten sich in den oberschlesischen Verhältnissen sehr gut aus. Einen Monat vor der Abstimmung fand in Gleiwitz die dritte Konferenz des Bundes statt. Daran nahmen 337 Vertreter aus 198 Ortsausschüssen teil. Ewald Latacz hatte ziemlich genau das Abstimmungsergebnis prophezeit. Er stellte fest, daß keine der beiden Seiten, weder die polnische noch die deutsche, eine eindeutige Mehrheit erringen werde. Das werde zu einer Zerstückelung Oberschlesiens führen. Deshalb müsse man sich gemeinsam für den Kampf um die Neutralität Oberschlesiens einsetzen, um die Teilung zu vermeiden. Nach seiner Meinung werde die knappe Abstimmungsentscheidung für eine der Seiten zu einem Krieg um Oberschlesien zwischen Polen und Deutschland führen.[11]

Aus einem Artikel, der drei Wochen vor der Abstimmung im „Bund – Związek” erschienen ist, kann man schlußfolgern, daß auch andere Mitglieder einer ähnlichen Meinung waren. In einem „Offenen Brief an die Hohe Interalliierte Kommission in Oppeln“[12] wandte sich ein gewsser Horaczek aus Zabrze mit der Forderung an General Henri Le Rond, er solle sich für die Neutralität Oberschlesiens einsetzen. Das sei die einzige Möglichkeit, die Teilung Oberschlesiens zu verhindern. Diese Teilung werde eine natürliche Konsequenz  des Abstimmungsergebnisses sein, in dem keiner der Seiten eine entscheidende Mehrheit erreichen werde.

Der Bund der Oberschlesier riet der Entente, die geplante Abstimmung zu widerrufen, da die oberschlesische Bevölkerung weder zu Polen noch zu Deutschland gehören wolle, sondern die Neutralität Oberschlesiens fordere. Man verlangte zumindest nach einer Möglichkeit, entweder für Polen, für Deutschland oder für einen oberschlesischen Freistaat zu stimmen. Die Separatisten organisierten in ganz Oberschlesien Unterschriftenaktionen für eine Petition an die Friedenskonferenz, um den 88. Artikel des Versailler Vertrages, der eine Entscheidung entweder für Polen oder für Deutschland ermöglichte, zu ändern und eine dritte Möglichkeit hinzuzufügen.[13]

Kurz vor der Abstimmung schickte der Bund der Oberschlesier eine Kommission nach Berlin und Warschau, die sich mit der jeweiligen Regierung treffen sollte und über die Autonomieversprechungen beider Seiten Auskunft geben sollte. Diese Reise und die Versprechungen, die man erhalten hatte, konnte einer der Gründe dafür sein, daß kurz vor der Abstimmung im „Bund – Związek” geraten wurde für das Land zu stimmen, in dem man bessere Chancen zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung haben würde, womit man offensichtlich Deutschland gemeint hatte.

 

Bund der Oberschlesier nach der Abstimmung

Nach der Abstimmung trat der BdO – ZG wiederum für die Neutralität Oberschlesiens ein. In dieser Zeit erreichte die Zahl der Mitglieder dieser Organisation den Höhepunkt. Nach Aussagen der eigenen Zeitung  „Bund – Związek” stieg die Zahl der Anhänger auf 400.000, was jedoch viele Historiker bezweifeln; sie halten diese Angabe für übertrieben.[14]

Dej pozōr tyż:  Mirosław Syniawa: Köhler, Haase, Nachbar

Man versuchte, auch die westlichen Mächte für die Idee des Freistaates Oberschlesien zu gewinnen. Besonders interessiert an dieser Konzeption waren die englischen Wirtschaftskreise, woran sich Wojciech Korfanty nach Jahren in seinen publizistischen Schriften „Träume und Ereignisse“ erinnerte.[15] Auch die Amerikaner waren an der Konzeption eines neutralen, unter der Aufsicht der Entente gebildeten Freistaates Oberschlesien interessiert. Diesem Projekt widersetzte sich aber Frankreich: Es sah in dem neutralen Oberschlesien einen Staat, auf dem Deutschland immer noch Einflüsse ausübte. Deshalb setzte sich Frankreich für die Angliederung Oberschlesiens an Polen ein.

Weil die Forderung an die Regierungen in Berlin und Warschau, Oberschlesien solle ein Freistaat unter dem Protektorat des Völkerbundes sein,  keinen Anklang gefunden, begann der BdO – ZG nach dem dritten polnischen Aufstand im Jahre 1921 die Forderung nach einer Neutralisierung Oberschlesiens in Richtung der Konzeption einer weitgehenden Autonomie zu ändern. Oberschlesien solle aber ungeteilt und wenn es möglich ist, als ein autonomer Bundesstaat bei Deutschland bleiben. Ein Anschluß an Polen wurde als eine bessere Lösung als eine Teilung angesehen. Der BdO – ZG erinnerte daran, daß vor der Abstimmung keine Rede von einer Zerstückelung Oberschlesiens gewesen sei.[16]

Alle Bemühungen des Bundes der Oberschlesier, die Einheit Oberschle-siens zu bewahren, blieben jedoch ohne Erfolg. Im Jahre 1922 kam es zur Teilung Oberschlesiens. Der Bund der Oberschlesier löste sich daraufhin im Jahre 1923 auf.

 

[1] Vgl. HAWRANEK, Franciszek (Hg.): Encyklopedia powstań śląskich. Opole 1984. S. 660.

[2] Vollständiger Text: Siehe Anhang 14, S. 68.

[3] KLEIN, Edmund: Polityka władz i niemieckich klas posiadających wobec ludności polskiej Górnego Śląska na przełomie 1918/1919 roku. In: Studia Śląskie, Band 12. Wrocław 1967. S. 86.

[4] Vgl. HAWRANEK, Franciszek: Polityka Centrum w kwestii górnośląskiej po I wojnie światowej. Opole 1973. S. 25-26.

[5] Vgl. DOOSE, Günther: Die separatistische Bewegung in Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg (1918-1922). Wiesbaden 1987. S. 204-205.

[6] „Oberschlesiesche Mitteilungen” Nr. 136 vom 16. April 1921. (Siehe Anhang 15, S. 69.)

[7] Fragmente aus der 1. Ausgabe – siehe Anhang 14 und 16, S.

[8] „Der Bund – Związek” Nr. 1 vom 17. März 1920 – Siehe Anhang 16, S.

[9] Vgl. VOGEL, Rudolf: Deutsche Presse und Propaganda des Abstimmungskampfes in Oberschlesien. Leipzig 1931. S. 112-113.

[10] „Der Bund – Związek” Nr. 6 vom 23. April 1920. (Siehe Anhang 18, S. 71.)

[11] Vgl. Anmerkung 4, S. 66-67.

[12] „Der Bund – Związek” Nr. 9 vom 27. Februar 1921. (Siehe Anhang 19, S. 72.)

[13] Vgl. Anmerkung 5, S. 195-196.

[14] Vgl. ebd., S. 113-114; Vgl. auch: DOBROWOLSKI, Piotr: Ugrupowania i kierunki separatystyczne na Górnym Śląsku i w Cieszyńskiem w latach 1918-1939. Warszawa 1972. S. 98-99.

[15] Nähere Informationen dazu im Kapitel 3.4.

[16] Vgl. Anmerkung 5, S. 200-201.

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Pejter Długosz

ur. 1978. Aktywny dlŏ Ślōnska ôd 2000 roku. Założōł m.in. Młodzież Gōrnoślōnskõ i Stowarzyniy Ôsobōw Nŏrodowości Ślōnskij. Bez lata aktywny we RAŚ. Tera kludzi wydŏwnictwo Silesia Progress.

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