Deutschsprachiger Brasspop aus Oberschlesien: Zuzanna Heruds „Schlesische Band“

Am Andreastag, dem 30. November 2021, fand innerhalb der Deutschen Minderheit eine Prämiere statt, die die bisherigen kulturellen Leistungen dieser Gesellschaft überbot. Ein kleiner, aber bedeutender Durchbruch!

In dem auf der Internetplattform Youtube veröffentlichten Song von Zuzanna Herud „Schlesische Band“, offenbart sich eine neue Betrachtungsweise der Musiklandschaft Oberschlesiens in der deutschen Sprache, die nun nicht mehr ausschließlich den Fokus auf den volksmusikalischen Schlager legt. Nicht nur hinsichtlich des gewählten Genres, das dem Brasspop zugeordnet wird, sondern auch dem textlichen Inhalt, der mit Stereotypenbildern spielt, kann Kreativität zugesprochen werden. Die „Kaffee und Kuchen“-Tradition, mit der oft die Tätigkeit der Ortsgruppen der deutschen Minderheit (DFK) in Verbindung gebracht werden, wird bewusst aufgegriffen, um durchgebrochen und umgedeutet zu werden. Der hierbei genannte „Sonntagskaffee“, der als eine festetablierte oberschlesische Tradition gilt, spielt darauf an und erscheint nun als eine Begegnungsmöglichkeit, bei der ideenreiche Menschen ein gemeinsames Ziel verfolgen, eine im Refrain wiederkehrende „schlesische Band“ zu gründen.

Die Aufzählung zu Beginn des Songs von oberschlesischen Städten – Oberglogau, Krappitz und Oppeln – zeigt nicht nur die wichtigsten (klein)städtischen Zentren auf, mit denen sich die Sängerin persönlich identifiziert, sondern sie ermöglicht auch eine Verortung und bietet eine Identifizierung für andere Einwohner von diesem Teil der Heimat an, an dem die Deutschen in Oberschlesien tatsächlich leben. Die Wahl der Bezeichnung „schlesisch“ für die im Titel genannte Band ist ein klares Bekenntnis zur regionalen Identität der Heimat und auch zum Deutschtum, das offen mit der Zeile „was uns Deutschen gefällt“ benannt wird. Die Verwendung von beiden adjektivischen Selbstzuschreibungen als „schlesisch“ und „deutsch“ ist als kein Fehler zu verstehen, denn beide Begriffe widerspiegeln die tatsächliche Verschmelzung dieser Identitäten vieler OberschlesierInnen aus dem Annabergland. Diese persönliche Integration des Schlesischen und des Deutschen, das sich in ihnen vereint, statt für innerliche Zerrissenheit zu sorgen, spornt sie letztlich zu kreativen Lösungen an. Auf dieser Weise wird deutlich, dass eine neue Generation in Oberschlesien herangewachsen ist und sich nun sichtbar zu Wort meldet. Eine Generation, wie es vor den historischen Brüchen des 20. Jahrhunderts der Fall war, die das Deutsche und das Schlesische als ihre Muttersprachen ansieht und sich ihrer, neben dem staatlichen Polnischen, mühelos bedient.

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Aus dem recht kurzen, weil lediglich 2:40 Minuten andauernden Song sind weitere Themen zu entnehmen. Es wird mit einer gewissen Ironie darauf hingewiesen, dass musikalische Menschen nicht viel brauchen, um Musik entstehen zu lassen, deswegen spielen sie „Schlagzeug auf der Tasse“ oder „Piano auf ´ner Kaffeekasse“. Es lässt sich als Ansporn zum tatsächlichen Ausleben der Musikalität deuten, dass nicht die Scheu vor dem professionellen Musizieren Oberhand gewinnen sollte, sondern die musikalische Betätigung.

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Mit der Erwähnung weiterer Orte wie Breslau oder die Ostsee, wird eine ebenso ironisch verzeichnete „Kuchentournee“ angesprochen, die bereits „nächsten Sonntag“ nach der Bandgründung stattfinde. Dabei wird auf einen Erfolg hingewiesen, der über die Heimat hinausreicht, doch weil dieser erträumte Erfolg außerhalb der heimatlichen Gefilde aufzusuchen ist, wird gleichzeitig ein Stereotypenbild bekräftigt – das des Heimwehs. Die Zeile „kaum sind wir weg, kriegen wir wieder Heimweh“ kann positiv als eine starke Heimatgebundenheit verstanden werden. Die negative Auslegung dieser Zeile lässt sich jedoch als eine nicht selten tradierte Ankettung an die Heimat verstehen, die einen davor zurückschreckt, einen Versuch in der Ferne zu wagen. Der sichere Weg stehe somit oberhalb des Versuchs einen möglichen Erfolg zu erzielen, was mit den Zeilen des berühmten Dichters Oberschlesiens – Joseph Freiherr von Eichendorff – nicht übereinstimmt: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“. Die gegenwärtige Deutung der in der Heimat gebliebenen Menschen entspricht eher der ersten Auslegung. Einige anderen sehen die Ferne als eine Bereicherung an. Doch eine dritte Interpretationsmöglichkeit wäre auch für die Befürworter der ersten Variante wünschenswert: Der Mut, die Ferne zu erfahren, um eventuelle Erfolge zu sammeln, als eine Möglichkeit in der Weite für die Heimat zu werben und sie auf diese Weise zu preisen. Nicht selten wird nämlich in Oberschlesien eine langzeitige Erfahrung in der Ferne als Heimatverrat gedeutet, was sich wiederum fälschlicherweise gegen die Sinnhaftigkeit von horizonterweiternden Erfahrungen ausspricht. Natürlich gehört auch die Erfahrung des Gefühls von Heimweh dazu, die im Song genannt wurde, doch diese sollte nie als Argument gegen den Versuch gedeutet werden, Erfahrungen auch anderswo aufzusuchen. Diese sollte lediglich als vertraute Feststellung interpretiert werden, der die in der Heimat Verbliebenen mit Verständnis gegenübertreten, solange die Anderen Heimweh empfinden.

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Das Gebiet Westoberschlesiens, mit seinem auf die sogenannte Woiwodschaft Oppeln zutreffenden Teil, gehört bekanntlich zu den am stärksten von der Auswanderung der einheimischen Einwohner betroffenen Regionen Polens. Das von Zuzanna Herud gesungene Lied beinhaltet Passagen, die sich als Anlockungsversuche deuten lassen, in der Heimat zu verbleiben. Dies wird nicht nur in dem bereits genannten Gefühl des „Heimwehs“ angedeutet, sondern in jedem Refrain mit der Formulierung „dieses Lied, das uns nie wieder trennt“. Vor allem offenbart sich die eigentliche Überlieferung des Songs in der Feststellung vor dem letzten Refrain, es sei nicht nur eine Band, sondern eine Freundschaft, die „so riesengroß“ sei. Die hierbei gepriesene Freundschaft betont die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich auch als Heimatanbindung deuten ließen, worauf die folgende Zeile anspielt: „Wir gehören hierher und lassen uns nie mehr los, nie wieder los.“ Es stellt somit einen Versuch dar, durch einen weichen Faktor wie Kultur, an die sozio-ökonomischen und politischen harten Faktoren heranzutreten, um eine Veränderung zu erzeugen. Ein Erfolg in dieser Hinsicht wäre wahrscheinlicher erzeugt, mit einer weiteren Entwicklung und Professionalisierung der deutschsprachigen Kulturszene in Oberschlesien und der Entstehung eines neuen Wirtschaftszweigs von Kulturschaffenden (Musizierenden, Schreibenden, Dichtenden, Malenden etc.), um diesen Auswanderungstrend zu stoppen oder gar kreativdenkende OberschlesierInnen erneut für ihre Heimat zurückzugewinnen. Mit diesem Lied wurde womöglich der erste Grundstein in diese Richtung gelegt, was zumindest zu wünschen wäre.

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Mit der Entwicklung des Songs „Schlesische Band“ ist Andreas Frei und sein Musikstudio „free records“ beauftragt worden. Der Schweizer aus Kriessern ist ein ausgebildeter Musiker, der auch als Komponist und Musikproduzenten tätig ist, und zum festen Mitglied der Schweizer Band „Fäaschtbänkler“ aus dem Bereich der Neuen Volksmusik angehört. Die schlicht gehaltene, doch dem Betrachter zusagende Videogestaltung zum Song, wird von der oberschlesischen Blasmusikkappelle „Glogovia Brass“ aus Oberglogau begleitet. Im Video taucht ebenso die „Schlesische Band“ als eine im Neonlicht aufgezogene Aufschrift auf, was dieses Vorhaben realer erscheinen lässt. Es bleibt zu wünschen, dass die im Lied besungene Idee auch tatsächlich eines Tages in der Gründung einer derartigen, deutschsprachigen Band münden wird. Womöglich wurde bereits mit diesem Song und seiner popmusikalischen Silbenzusammenstellung „nananana“, die als Ohrwurm für eine bestimmte Zeit verbleibt, der erste Schritt in diese Richtung gestellt…

Verfasst von Adam Kubik

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2 kōmyntŏrze ô „Deutschsprachiger Brasspop aus Oberschlesien: Zuzanna Heruds „Schlesische Band“

  • 3 grudnia 2021 ô 12:00
    Permalink

    Bardzo mi się podoba termin “Annabergland”. Jest on w powszechnym użytku i tylko ja nic o nim nie wiem?

    Ôdpowiydz
    • 3 grudnia 2021 ô 18:32
      Permalink

      Der Begriff “Annabergland” ist unter den deutschsprachigen Menschen Oberschlesiens nicht fremd. Dieser wird ebenso in deutschsprachigen Texten gefunden, die nicht der polnischen Politikführung obliegen, sondern die einheimische, deutschsprachige Perspektive vertreten, die nicht von ungern verbalisierten Zwängen eingenommen wurde.

      Da Sprache auch Perspektive und Betrachtung bedeutet, somit auch politische Differenzen ausdrücken kann, lässt sich beobachten, dass z.B. in den polnischen Narrativen Sie Begriffe wie “Oppelner Land”, “Leschnitzer Land”, “Groß Strehlitzer Land”, “Krappitzer Land”, “Oppelner Schlesien” finden, die die Gebiete zwar markieren, doch gleichzeitig auch zerteilen und neubezeichnen wollen, aber bei einem Bundesdeutschen auf Unverständnis stößen können. Dem obliegen auch oft deutschsprachige Lehnübersetzungen aus dem Polnischen der strukturellen (vor allem politischen) deutschen Minderheit wie der SKGD – “Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien”. Selten finden Sie in den deutschsprachigen Texten, die an den polnischen Universitäten (in Breslau, Oppeln oder Kattowitz) veröffentlicht werden oder im Rahmen der strukturellen deutschen Minderheit, Bezeichnungen, die nicht dem polnischen Narrativ folgen würden, auch wenn diese von einheimischen Professoren verfasst und auf ihre private Abneigung stößen, weil sie nicht die einheimische deutsche Perspektive vertreten. Der politische Einfluss macht sich hierbei deutlich bemerkbar und offenbart auch ein Phänomen der Unterordnung.

      Ein empfehlenswertes Buch über die Versuche Oberschlesien durch polnische Wirkung bewusst zu polonisieren ist dieses: Monika Czok (2020), “Oppelner Schlesien”, Neisse Verlag.

      Der Begriff “Annabergland” ist unter den deutschsprachigen Einheimischen dieser Region nicht fremd. Nur um ein Beispiel zu nennen, lässt sich dieser Titel heranführen, der wahrscheinlich vielen unbekannt sein wird:
      Strachwitz, Maria Luise Gräfin von: Groß Strehlitz. Geschichte des Annaberglandes, Hagen 1968

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